Twitter ist für deutsche Vorstände völlig irrelevant – oder nicht? Ein Interview mit Gerrit Müller von 247GRAD

Autor: Sascha Nieroba || Datum: 9. Februar 2018 || Thema: Digitalien, Social Relations

Vor einigen Wochen twitterte ich, Twitter sei für deutsche Vorstände völlig irrelevant. Gerrit Müller von 247GRAD widersprach. Jetzt will ich wissen, warum, und fühle ihm auf den Zahn.

Gerrit, deine Hausagentur 247GRAD bietet Social Media Marketing an und Workshops „zur Einbettung sozialer Medien in die Unternehmenskultur.“ Da ist es auf den ersten Blick doch logisch, dass du mir nicht zustimmst. Oder ist das nicht so einfach?

Gerrit Müller: Sascha, dass ich da die Agentur-Sichtweise einnehme, will ich nicht abstreiten. Wir haben mit Unternehmen mittlerer Größenordnung und vor allem bei Konzernen die Erfahrung gemacht, dass Social-Media-Kommunikation möglichst über alle Hierarchieebenen gelebt werden sollte. Die Entscheidung, überhaupt Social-Media-Kanäle anzulegen und zu betreiben, basiert sinnvollerweise auf dem Plan, vorher gesteckte Ziele zu erreichen. Bei der Erreichung von Zielen ist die Unterstützung vom Vorstand hilfreich.

Was sollen Vorstände deutscher Unternehmen denn auf Twitter? Dschungelcamp, Tatort und den ESC kommentieren? Den Dialog suchen? Mit wem? Und warum?

Gerrit: Wenn sich vom Dschungelcamp ein nicht allzu konstruierter Bogen spannen lässt zu den Themen, die man selbst als Persönlichkeit und als Unternehmen besetzt, von mir aus sogar das. Als Vorstand repräsentiert man nicht nur seine Firma, sondern genauso diese Themen in der Öffentlichkeit. Das birgt die Chance, sich als Experte zu positionieren. Jeder Vorstand trifft Entscheidungen, die er sich vermutlich gut überlegt – warum also nicht aufkommende Fragen beantworten und sich offen zeigen – man hat ja gute Argumente an der Hand und kann auch auf Kritik eingehen. Dass diese Öffnung Mut erfordert ist keine Frage, aber es kann sich lohnen.
Ein CEO muss auch nicht den ganzen Tag selbst twittern und Selfies posten, es wird ohnehin laufend Content produziert (Fotos, Statements, Innovationsideen) den man nutzen kann. Zusätzlich kann man seine Meinung zu Neuerungen in der Branche mitteilen. Das interessiert nicht nur potentielle Kunden und Aktionäre, sondern auch die eigenen Mitarbeiter. Die Werte eines Unternehmens rücken immer mehr in den Fokus (Stichwort Nachhaltigkeit), als Vorstand ist man dafür das Aushängeschild, auch im Web.

Dieses „sich als Experte zu positionieren“ steht ja mittlerweile ganz oben links auf jedem Social-Media-Bullshit-Bingo. Experte für wen oder bei wem? In der eigenen Twitterblase, die bei Vorständen aus Angestellten höherer Ebene und Journos bestehen dürfte? Bei Mitarbeitern, die sich aus eigennützigen Gründen für die Tweets des Chefs interessieren, wenn sie denn wissen, dass er twittert – oder was Twitter ist?

Gerrit: Haha, hatte ich noch gar nicht so auf dem Schirm, dass „als Experte positionieren“ so allgegenwärtig ist – warum hat dafür noch niemand einen englisch klingenden Fachbegriff erfunden? Macht es aber aus meiner Sicht dennoch nicht falsch. Journalisten und die firmeneigenen Mitarbeiter sind auch durchaus relevante Gruppen, mit denen man kommunizieren kann. Ich sehe einen positiven Ansatz, durch Nahbarkeit und gelebte Offenheit kann man sich nämlich abheben. Die Akzeptanz der Plattform Twitter ist in außerhalb von Deutschland außerdem (zum Teil deutlich) höher und ich denke, alle Vorstände haben eine internationale Relevanz.
Zu dem Filterblasen-Phänomen: Stimmt natürlich, ist man aber auch selbst für verantwortlich. Wer nicht versucht, daraus auszubrechen, der wird drin gefangen bleiben. Als Agentur können wir da ab und an einen Tipp geben oder mit Monitoring-Tools auch Geschehnisse außerhalb im Blick haben.

Ihr habt „Global Player“ und Mittelständler in eurem Kundenkreis. Sollten alle Geschäftsführer twittern?

Gerrit: Es sollte nur der unter seinem persönlichen Account twittern, der daran ehrlich interessiert ist. Die intrinsische Motivation muss da sein. Man kann aber durchaus aufzeigen, was möglich ist, wie es funktioniert und wo der Sinn liegt.

„Die Werte eines Unternehmens“ auf Twitter zu postulieren, ist das nicht so ein bisschen wie Perle in die Twitterblase zu werfen? Nimmt jemand „Aushängeschilder, auch im Web“ wahr (Zitate von der Agentur-Website)?

Gerrit: Ich bin überzeugt, dass die „Perlen“ wahrgenommen werden. Tendenziell kann man die Menschen mit Twitteraccount, die einem deutschen Vorstand folgen, als meinungsstark charakterisieren. Das heißt, deren Meinung beeinflusst auch die von anderen Menschen. Das Grundprinzip der Meinungsbildung funktioniert genauso in Social Media. Wer nicht da ist, lässt diese Chance aus.

„Dem Mittelstand“ Facebook zu vermitteln fällt Marketingstrategen wie mir schwer genug. Hippe Vorstände kommen vielleicht noch mit Instagram um die Ecke, weil sie gerade darüber gelesen haben, oder mit Pinterest, weil es „da so tolle Bilder gibt, da könnten wir doch auch unsere Produkte abbilden“. Aber Twitter? Das haben die nicht auf dem Schirm. Habt ihr andere Kunden? Also Geschäftsführer, die von sich aus sagen: „Hey, lasst uns mal dieses Twitter ausprobieren, das scheint mir sehr sinnvoll zum Erreichen unserer Unternehmensziele zu sein!“?

Gerrit: Nein, da sind unsere Erfahrungen gleich. Wir haben aber z.B. einen Kunden, für den Twitter der wichtigste Kanal ist, wichtiger als Facebook und Instagram. Das musste aber zuerst herausgefunden werden und war kein Vorschlag vom Geschäftsführer. Grundsätzlich finde ich, dass die Entscheidung, welche Kanäle man bespielt, möglichst emotionslos getroffen werden sollte – die größte Fehlerquelle ist, dass man zu sehr von seinem eigenen Nutzerverhalten ausgeht. Wir stellen eine Nullmessung voran und geben dann eine Empfehlung ab.

Eine Frage noch zum Schluss: Facebook, Twitter, Instagram und haste-nicht-gesehen.com: Wo sind diese Plattformen in zwei Jahren? Wie verschiebt sich die Relevanz, wenn sie sich denn verschiebt?

Gerrit: Die Schwierigkeit ist, diese Prognose von seinem eigenen Nutzungsverhalten abzukoppeln. Ich glaube nicht, dass Facebook von der Bildfläche verschwindet, aber der Altersschnitt der Nutzerschaft wird sich weiter nach oben verschieben. Mit Instagram und vor allem WhatsApp hat Facebook die Antworten für jüngere Zielgruppen auch direkt bei sich. Die Kommunikation verlagert sich in Richtung Messenger. Twitter wird in Deutschland hoffentlich auch etwas populärer, vor allem eventbezogen. Und es wird sicher auch noch die eine oder andere neue Plattform dazu kommen.

Lassen Sie uns einen Kaffee trinken!

Frisch aufgebrüht aus handgemahlenen Bohnen, Pads, Kapseln oder aber der gute, alte Bröselkaffee zum Aufgießen: Es wird alles getrunken! Und wenn die Unterhaltung dann noch nett ist, brauchen wir auch keine Kekse.

Eigentlich hätte ich hier gerne ein Kontaktformular. Aber der Aufwand für die DSGVO und das ständige Löschen der Spamscherze sind mir zu blöd, genauso wie Captchas und doppelt und dreifache Opt-ins und -outs.

Also bitte einfach die üblichen Kontaktmöglichkeiten nutzen: hallo[at]nagelundkopf.de oder unter 0176 97661348 anrufen.

impressum

nagel&kopf (gilt auch für die Facebook-Seite)

copywriting | brand strategy


sascha nieroba

am mühlenbach 22

46569 hünxe

mailto: hallo@nagelundkopf.de

fon: 0176 97661348

über mich.

Strategietexter, Marketingreferent, Journalist, Autor. Papa. Geek. Läufer. Sänger. Bester Freund meines Hundes. Mag Trash-Filme, Gitarrenmusik, Bücher aus Papier und jede Form von Kaffee. Älter als AOL.

hünxe.

Ernsthaft? Ist das noch Land oder schon Dorf? Es ist beides. Und Wald. Viel Wald. Und herrlich. Vor allem ist es noch im wunderschönen Ruhrpott, auch wenn sich die Leute hier manchmal ein wenig vertun mit dem Niederrhein. Hinfahren, angucken, auf ‘nen Kaffee reinschneien und fachsimpeln. Themen gibt es hier genug. Und wer mich woanders braucht: Ich bin in einer Stunde in Köln oder Düsseldorf, in dreieinhalb Stunden in Hamburg oder Frankfurt, in sechs Stunden in München oder Paris.