4 Fragen, 4 Antworten oder: Warum ist YouTube so öde?

Autor: Sascha Nieroba || Datum: 28. Dezember 2013 || Thema: Social Relations

Oder anders: Warum gucke ich mir auf YouTube vor allem Fails, Tutorials und Dokus an, die jemand unberechtigterweise hochgeladen hat?

Die Ruhrpottdeerns, zwei Mädels aus Dortmund und dem wunderschönen Hamburg, stellen sich meinen Fragen. Und ihren Kanal in ein paar Sätzen selbst vor.

Patty&Schnizzel: Die Ruhrpottdeerns (jetzt: THE ASYLUM) sind Nadine, genannt Schnizzel, und Patty. Beide ansässig im Ruhrgebiet mit einer großen Liebe und Verbundenheit zu Hamburg. Die Idee einen eigenen Kanal auf die Beine zu stellen, verfolgte uns schon seit einiger Zeit und so wurde am 20. Januar 2013 der Kanal „Ruhrpottdeerns“ geboren. Anfänglich haben wir kleine Vlogs gedreht. Das schien als Einstieg das beste Format zu sein. Doch man kann ja nicht jede Woche irgendwo hinfahren, zudem schien uns ein Vlog-Kanal auf Dauer doch etwas zu eintönig. Eine neue Idee musste her – und wieso nicht einfach ein weiteres, gemeinsames Hobby, in diesem Fall Horror, in den Kanal einfließen lassen? Dieses Genre liegt uns beiden nicht nur am Herzen, sondern hat auch den positiven Beigeschmack, dass wir eine kleine Nische im deutschsprachigen YouTube-Raum gefunden haben, die noch gänzlich unberührt ist. Unser Interviewformat „Gruftgezeter“ sollte den Anstoß für einen kleinen Tapetenwechsel geben. Außerdem gibt’s bei uns Tutorials (s. u.: „Fleischwunde“), Reviews zu Literatur, Filmen und Games und Neues zu interessanten Veranstaltungen, die wir unseren Zuschauern nahe bringen wollen. Zu dieser Umstellung gehört also nicht nur die Umstrukturierung der Formate, sondern auch der Name. So ist unser Kanal nun unter dem Namen „The Asylum“ bekannt.

Prima. Und jetzt geht’s ans Eingemachte:
Viele YouTube-Channels sind ja eher so undergroundig lustig oder nur nischeninteressant. Trotzdem werden die Videos geguckt, kommentiert und sogar gemocht. Ist das dasselbe Phänomen wie mit den unzähligen untalentierten Bands, zu deren Gigs trotzdem immer noch Leute gehen, sogar mehrmals?

Patty&Schnizzel: Erst mal ist das, was wir als lustig erleben, immer eine sehr persönliche Empfindung. Viele Menschen finden Helge Schneider megawitzig, wir persönlich können uns nicht einmal ein müdes Lächeln abringen. Ich denke, gerade von diesen „Nischen“ lebt YouTube, das macht es interessant. Jeder findet das, was ihm selbst gefällt. Der eine sucht nach Gaming-Kanälen, andere Beauty-Tipps und wieder andere nach dem einen Comedy-Kanal, der das Lachzentrum trifft.
Gerade bei YouTube spielt die Sympathie eine ganz besondere Rolle. Ich stolpere über ein Video, finde den oder die da vor der Kamera interessant oder sympathisch, mag die Art, wie geredet wird, und der Funke springt über. Dann schaut man sich auch mal Kanäle an, die auf den ersten Blick gar nicht so interessant erscheinen. Ähnlich ist es bei den von Dir erwähnten Bands. Vielleicht ist die Musik nicht perfekt oder die Musiker untalentiert. Aber sie leben ihren Traum und vielleicht ist da im Publikum das kleine Mädchen, das den Sänger ganz toll findet und der egal ist, wie schief er auch singt, sie steht vor der Bühne, schmachtet vor sich hin und ist für eine Zeit lang glücklich ihn zu sehen. Ein Phänomen, das es schon seit ewigen Zeiten gibt und für das niemand eine wirkliche Erklärung hat. YouTube lebt davon, dass die Leute vor der Kamera nicht unerreichbar sind wie andere „Stars“, die durch Teenieherzen geistern. Ein LeFloid kann dir morgen beim Skaten begegnen oder Mr. Trashpack sitzt neben Dir in der U-Bahn …

 YouTube lebt davon, dass die Leute vor der Kamera nicht unerreichbar sind wie andere „Stars“

Immer genannt, wenn es darum geht mit seinen Videos Geld zu verdienen, werden die Jungs von Y-Titty. Ich kann kein Video von denen gucken, ohne nach wenigen Minuten umzuschalten. Habe ich eine nur kurze Aufmerksamkeitsspanne, sind die so langweilig oder bin ich zu alt für diesen Scheiß?

Patty&Schnizzel: Y-Titty sind eine Sache für sich. Wir mögen die Musik und einige Videos, würden sie aber nicht zu unseren Lieblingskanälen zählen, weil sie uns zu professionell sind. Die Jungs machen nichts mehr selbst außer vor der Kamera zu stehen. Schnitt und alles drum herum wird vom Netzwerk übernommen. Persönlich mögen wir die Jungs sehr, sind nette Kerle. Aber nur deswegen muss man das, was sie auf YouTube machen, nicht unbedingt toll finden. Natürlich teilen sich da, auch in der Szene selbst, die Geister. Von den einen werden OG, Phil und TC für das, was sie erreicht haben, gefeiert, von den anderen abgelehnt, aus unterschiedlichen Gründen.
Am Ende zählt nur der eigene Geschmack. Aber zu alt für YouTube? Niemals! Wir selbst sind jenseits des typischen Zielpublikums und es gibt genügend Kanäle, die wir wegsuchten wie nichts. Zum Beispiel LeFloid, Daaruum, Vegas, Gronkh, SceneTake, Pewdiepie und die Jungs von Onkel Bernis Butze. Jeder Kanal bedient ein anderes Genre und trifft unseren Geschmack. Für YouTube ist man nie zu alt, man muss nur einfach seine persönlichen Kanäle finden. Und da ist es egal, ob diese 100.000 Abonnenten haben oder nur 300.

Ihr als Ruhrpottdeerns habt in einem Video eine Kirmes in Castrop-Rauxel besucht und gefühlte zwanzig Minuten lang Slush-Becher geleert. Wer sieht sich das an? Wie sieht euer Durchschnittspublikum aus?

Patty&Schnizzel: Keine Ahnung, wer sich so was ansieht. Und mit dem Beispiel hast Du direkt eines unserer ersten Videos heraus gepickt. Heute würden wir das so auch nicht mehr drehen. Aber es waren unsere Anfänge auf YouTube und da stellt man sich schon mal vor eine Kamera und säuft Slush um die Wette.
Wir haben eine kleine, aber treue Community, die sich in allen Altersstufen bewegt. Laut den Analytics unseres Kanals ist die Hauptzielgruppe zwischen 18 und 24 Jahre alt und überwiegend männlich. Ob dem wirklich so ist, kann ich schwer überprüfen.

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Sind YouTuber also so eine Art Sekte? Bleiben unter sich, haben Treffen, machen mysteriöse Ankündigungsvideos, deren Sinn Normalsterblichen verborgen bleibt, tragen alle merkwürdige Namen und finden sich meist gegenseitig am besten, verleihen sich seit einiger Zeit sogar gegenseitig Preise, von denen kaum jemand Notiz nimmt. Wann kommt YouTube im Mainstream an? Und warum sollte es?

Patty&Schnizzel: Sekte, natürlich. Wir treffen uns regelmäßig, ziehen orangefarbene Gewänder an und tanzen um einen Opfertisch, auf dem wir unliebsame Abonnenten …  lassen wir das.
YouTube ist eine „Szene“ wie es Skater, Gothics, Punks oder so sind. Nur größer und weiter gefächert. Ein gemeinsames Hobby verbindet eben. Die meisten unserer Freunde, die nichts mit YouTube zu tun haben, verstehen diese Begeisterung darum auch nicht, aber das Hobby wird akzeptiert und es gibt andere Gemeinsamkeiten die uns verbinden.
Dem gegenüber stehen jene Freunde, die wir durch YouTube kennen gelernt haben und die auch selbst Kanäle bespielen. Da verbindet diese Leidenschaft. Das ist kein reines YouTube-Phänomen. Und bleibt am Ende nicht jede „Szene“ unter sich? Hat Geheimnisse und vielleicht auch Rituale, die Außenstehenden Fragen aufzeigen? Merkwürdige Namen gibt es nicht nur bei uns, und ob wir uns alle gegenseitig super toll finden sei mal dahin gestellt. Nein, wir YouTuber pusten uns nicht den ganzen Tag lang gegenseitig Puderzucker in den Hintern, da kracht es auch schon mal ordentlich. Und sei es nur, wenn es um die Frage des Netwerkes geht, dem man angehört. Du siehst, alles wie überall.
Und warum soll gute Arbeit nicht gewürdigt werden? Und sei es in Form eines verliehenen Preises. Über den Sinn und Unsinn lässt sich streiten – und am Ende käme man doch auf keinen gemeinsamen Nenner. Unterm Strich ist so eine Preisverleihung ein großes Zusammentreffen von Leuten mit demselben Interesse und darüber hinaus bieten solche Anlässe auch immer wieder die Möglichkeit für Fans ihre persönlichen „Internet-Stars“ zu treffen. Und als YouTuber ist es immer schön mit den Leuten reden zu können, die deine Videos schauen, kommentieren und mögen (oder auch nicht mögen). Da werden aus Klicks Gesichter und das ist eine tolle Sache.
Warum YouTube im Mainstream ankommen sollte? Wenn es nach uns ginge, sollte das nie passieren und wird es wohl auch so schnell nicht. Denn diese Plattform ist zu breit gegliedert und in zu viele Themen und Interessen unterteilt, als dass es massenkompatibel wäre. Vielleicht wird mal ein einzelner Bereich Mainstream, aber die Plattform an sich? Nein, so schnell nicht.

 

Lassen Sie uns einen Kaffee trinken!

Frisch aufgebrüht aus handgemahlenen Bohnen, Pads, Kapseln oder aber der gute, alte Bröselkaffee zum Aufgießen: Es wird alles getrunken! Und wenn die Unterhaltung dann noch nett ist, brauchen wir auch keine Kekse.

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