4 Fragen, 4 Antworten: Uwe Lübbermann, Premium-Cola

Autor: Sascha Nieroba || Datum: 23. Oktober 2014 || Thema: [Responsive] Branding

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Uwe Lübbermann

Eigentlich sollte dies hier eine weitere Episode „4 Fragen, 4 Antworten“ werden. Uwe Lübbermann, der Kollektivvorsitzende von Premium Cola, hat allerdings mehr zu erzählen, als ich in nur vier Fragen herausfinden kann. Kurzum: Die heutige Rubrik heißt „(4 Fragen, 4 Antworten)x2“. Das war’s dann auch mit den Kalauern. Versprochen.

Uwe, vielen Dank, dass du dir ein paar Minuten Zeit nimmst. Eins wollen wir ganz zu Beginn klarstellen: Du bist kein Bartträger, vielmehr haben sich deine Koteletten unterm Kinn zum Plausch getroffen. Da gibt es viele Irrtümer dieser Tage. Doch genug der Äußerlichkeiten. Du bist Chef von Premium und vertreibst Cola, Bier und andere Flüssigkeiten unters Volk. Was Prof. Günter Faltin mit seiner Teekampagne vorgemacht hat, also, sehr verkürzt gesagt, die modulare Unternehmensgründung, hast du für Premium adaptiert. An die Stelle von Gewinnmaximierung treten in deinem Unternehmen Nachhaltigkeit und Mitspracherecht deiner Mitarbeiter, Lieferanten und Kunden. Angefangen, und ich kürze das etwas ab, hat alles mit deiner Badewanne und Afri Cola. Der neue Besitzer deiner Lieblingscola hat die Rezeptur verändert, ohne das zu kommunizieren. Du hast das nicht einfach hingenommen, sondern bist in den Cola-Widerstand gegangen, weil du dich als Konsument nicht ernst und wahrgenommen gefühlt hast.

Du hast schließlich den Wirtschaftsansatz umgedreht, das Afri-Cola-Rezept annektiert und produziert. Nach dem ersten Kunden hast du gemerkt, dass du dir nun eine Art Firma eingebrockt hattest. Dieses Unternehmen funktioniert wie ein Kollektiv im Sinne der Mitbestimmung. Wenn ich etwas Wichtiges vergessen habe, fühle dich frei, hier noch zu ergänzen.

Uwe: Das passt soweit alles, danke! Ich würde zum geschätzten Prof. Faltin nur einen Punkt ergänzen. OK, doch zwei: Wir haben gegründet, bevor sein Buch rauskam und: mit der Gründung und dem Aufbau ist es dann nicht getan; wer ein Unternehmen betreibt, entfaltet dabei ja vielerlei Wirkungen nach „innen“ und nach „außen“, d.h. gegenüber Mitarbeitern, Lieferanten, Dienstleistern, Kunden, Wettbewerbern undsoweiterundsofort – und es ist meiner Meinung nach die Hauptaufgabe von Unternehmen, diese Wirkungen möglichst sozial, stabil, nachhaltig und fair zu gestalten. Und nicht, nur den eigenen Gewinn zu steigern. Ersteres geht m. E. relativ gut, wenn es gelingt, das Unternehmen mit allen Betroffenen (egal wie intern oder extern, wie groß oder klein die sein mögen) gemeinsam zu steuern. Also: Mitsprache für alle! (*reckt grinsend linke Faust in die Höhe* -sn)

Wie funktioniert diese Mitsprache, wie weit geht sie? Und kannst du auch enteignet werden?

Uwe: Ach, das bin ich schon, also in dem Sinne, dass ich von Anfang an allen Beteiligten Konsensdemokratie zu allen Fragen versprochen habe. Wenn ich das nun plötzlich anders mache und zum Beispiel im Alleingang meinen Anteil verdopple, ist das Kollektiv weg; ich habe also einen sehr wesentlichen Faktor von Eigentum, nämlich die Verfügungsmacht, relativ weitgehend abgegeben. Premium-Cola und -Bier gehören als Marken mir, ich hab sie halt über Jahre als zentraler Mensch aufgebaut mit der Hilfe von vielen, aber das war’s auch schon an Produktionsmitteln, es gibt keine „eigenen“ Ressourcen wie Anlagen, LKW, Gebäude und so, die haben andere – aber die gehören doch auch dazu? Hier lösen sich die Grenzen des Unternehmens schon auf, und es geht noch weiter: das Konzept ist Open Source, also haben sich andere Unternehmen (Frohlunder und kolle-mate, um nur die weitgehendsten zu nennen) damit gegründet, mit denen wir sehr eng zusammenarbeiten. Das Ganze ist also eher ein Unternehmens-Netzwerk, das alle Entscheidungen gemeinsam trifft. Und mit „alle“ meine ich „alle“. Jede/r Beteiligte/r kann jedes Thema einwerfen, vom Einkauf der Briefumschläge bis zur Schweiz-Strategie oder Kalkulation der Literflasche, jede/r kann zu jedem Thema was sagen, und dann reden wir so lange, bis es kein Veto mehr gibt. Das klingt unmöglich, machen wir aber seit bald 13 Jahren so.

Ihr verkauft Mitbestimmung, das betonst du immer wieder. Du vergleichst das Modell, nach dem ihr arbeitet, mit einem Betriebssystem, das ihr unter CC-Lizenz zur Verfügung stellt. Einer deiner Posts auf Facebook lautete: „Teile, und mit dir wird geteilt werden. So einfach kann bessere Wirtschaft sein“. Wenn ihr alles teilt, bleibt dann genug für dich?

Wissen hat ja zum Beispiel den Charme, dass es nicht weniger wird vom Teilen, sondern mehr.

Uwe: Ja. Ach so, soll ich länger antworten? Ich behaupte, es bleibt sogar mehr. Wissen hat ja zum Beispiel den Charme, dass es nicht weniger wird vom Teilen, sondern mehr. Und wenn ich dran denke, wie viel Wissen auch deshalb schon mit mir geteilt wurde, hui. Genauso ist es beim Teilen von Ressourcen: Gib einem anderen Hersteller Leergut ab in Zeiten seiner Krise, dann hast du eine kleine Versicherung für den Fall deiner nächsten Krise. Mach das mit vielen, und du bist vielfach abgesichert. Menschlich gilt das sowieso. Ich will außerdem gar nicht in einer (Wirtschafts-)Welt leben, in der jeder nur an sich selber denkt. Dann ist nämlich noch lange nicht an alle gedacht. Stattdessen glaube ich daran, dass es für alle angenehmer und stressfreier wird, wenn alle ein bisschen an alle denken, oder ein bisschen mehr. Ich selbst hab mir dadurch sowas wie eine Parallelwelt gebaut, in der für mich zwar viel zu tun ist, aber ganz wenig negativer Stress, sehr wenig Fluktuation, wenig Streit, nicht ein Rechtsstreit in bald 13 Jahren, einfach eine viel menschlichere Arbeits- und Lebenswelt. Das haben wir geschafft. Dennoch ist unser Projekt bisher nicht sehr bekannt, unter anderem weil wir keine Werbung machen.

Das Prinzip „Premium“ erklärt in fünf Minuten:

Im SZ-Magazin sagte im letzten Jahr DDB-Kreativchef Amir Kassaei, der vor allem bekannt für seine, sagen wir, sehr offene Art ist: „Während die ganze Welt über Nachhaltigkeit nachdenkt, sind Werber die Letzten, die lauthals Propaganda für hemmungslose Konsumgier machen.“ Dein Werbebudget ist überschaubar: Du hast keins. Trotzdem funktioniert dein Unternehmen. Wieso – oder anders: Müssen Werber vor deinem Geschäftsmodell erzittern?

Uwe: Auwei, wie beantworte ich das? Wer Douglas Adams kennt, Per Anhalter durch die Galaxis, erinnert sich eventuell daran, dass da ein Raumschiff zur Evakuierung der Erde losgeschickt wurde mit allen möglichen Leuten: Telefondesinfizierer, Bürokraten und, ja, Marketingleute. Nachher kam dann raus, dass man denen die Evakuierung nur vorgegaukelt hatte, um sie alle miteinander endlich loszuwerden.

Aber diese ganze
Push-Werbeindustrie, weg damit, ersatzlos.

Tja. Ich glaube wirklich, dass sich die (Werbe)Wirtschaft leider in großen Teilen komplett von dem entfernt hat, was Menschen eigentlich brauchen und wollen. Grob vereinfacht ausgedrückt, zahlen Kunden mehr für Produkte als eigentlich nötig, und von diesem Zuviel wird Werbung bezahlt, die die Kunden in der Regel nur nervt. Darüber hinaus weckt Werbung Bedürfnisse, wo vorher gar keine waren, prägt Geschlechter- und Rollenbilder, die man eventuell so gar nicht haben will, spamt das Internet und ganze Städte voll und so weiter. Meiner Meinung nach eine total wild gewordene Parallelwelt ganz anderer Art. Bei Vorträgen frage ich öfter in die Runde, wer Werbung mag. Maximal ein, zwei Finger. Oder wer Werbung braucht. In aller Regel kein Finger, und wenn, dann arbeitet der Mensch daran in der Werbung. Von so jemand kommt dann auch das Killer-Argument: aber mein Arbeitsplatz! Ja, klar. Deshalb haben wir heute noch Schriftsetzer, Laternen-Anzünder und Glasbläser. Bei allem Respekt, was wir wirklich brauchen, ist keine Push-Kommunikation, die sich immer perfider aufdrängt, sondern vielmehr Pull-Kommunikation, die sich die Menschen freiwillig ziehen. Dafür darf auch ein kleiner Teil im Produktpreis stecken, weil man Informationen über Produkte braucht, um entscheiden zu können, okay. Aber diese ganze Push-Werbeindustrie, weg damit, ersatzlos. Sorry.

Bleiben wir beim Marketing: Kannst du dir im Zuge der Diversifikation (hui, was hat mich denn da geritten? -sn) einen Premium-Wein vorstellen? Lässt sich so etwas sinnvoll und wirtschaftlich tragbar im Mehrweg umsetzen? In hippen Bügelflaschen sogar?

Uwe: Mit „hip“ kenne ich mich nicht aus, aber von Bügelflaschen würde ich eher abraten, die sind nämlich in der Herstellung teurer als man als Pfandwert am Markt durchbekommt. Wein in Mehrweg wäre ein interessantes Konzept, fände ich super, aber es gibt eventuell gute Gründe dafür, warum es das bisher nicht gibt. Oder doch nicht? Wenn jemand sowas gründen will, würde ich das kostenlos begleiten. Ob das wirtschaftlich tragfähig wird, hängt dabei von sehr vielen Faktoren ab, beileibe nicht nur vom Produkt. Es gibt so einen 14-Schritte-Plan zur Gründung, mit dem bisher 100 Prozent – also acht von acht – der damit begleiteten Gründungen überlebt haben, den müsste ich mal ganz in Ruhe aufschreiben, wenn ich mal die Zeit habe. [lacht]

Wo steht Premium in fünf Jahren? In zehn? Wie weit planst du in die Zukunft? Wie weit kannst du die Entscheidungen des Kollektivs vorausahnen?

Uwe: Vorausahnen geht nur bedingt, aber wir haben da einen Haufen an klugen Leuten, die mich das Projekt relativ weitreichend prägen lassen. Wenn es so weitergeht wie bisher, nur besser, dann werden wir in fünf und in zehn Jahren mit mehr Produkten dastehen, verteilt auf mehrere Firmen, um das Risiko zu streuen und individuelle Unterschiede möglich zu machen. Wir werden hoffentlich professioneller organisiert sein, effizienter, effektiver und etwas verbreiteter. Mit Glück hat dann auch schon das nächste Projekt Wirkung entfaltet, nämlich: ein zinsloses Crowdfunding, mit dem unsere Endkunden den Finanzbedarf der Lieferanten decken, damit die den Renditedruck von Investoren loswerden und wir letztlich auch günstiger anbieten können. Das wird ein großer Spaß. [lacht] Details hier:
www.premiumcola.de/betriebssystem/wissenschaft.

Du vertreibst also Cola, Bier, Limo (den Wein stellen wir hintenan) und Mitbestimmung. Auf der einen Seite physische Produkte, auf der anderen eine Idee. Funktioniert das auch im Dienstleistungssektor? Könnte ich als Texter, könnten Werbe- und PR-Agenturen, Ärzte und Designer auf ähnliche Modelle umsatteln? Wie denn?

Uwe: Gute Frage. ich glaube, die Grundideen „mit allen Beteiligten reden“ und „im Konsens entscheiden“ lassen sich auf sehr viele Unternehmen und Branchen übertragen – und das ist schon eine Dienstleistung, ich habe ja selbst gar keine Produktion. Guck dir eventuell mal die Soziokratie an, die machen das in Firmen mit bis zu 50.000 Mitarbeitern in mehreren Branchen.

Wenn ich von einem Arzt operiert werde, möchte ich nicht, dass er währenddessen erstmal rumdiskutiert – aber danach will ich, dass ihm Fehler oder Verbesserungsvorschläge auch von dem OP-Putzmann eingebracht werden können, wenn das die Qualität seiner Arbeit verbessert.

Oder das Systemische Konsensieren, das es in kleinen Kollektiven öfter gibt. Es gibt m. E. nicht die eine ideale Form der Entscheidungsfindung; was gut funktioniert, hängt immer von den Parametern und den Menschen und der Entwicklung des Ganzen ab. Es gibt auch Fälle bzw. Branchen, wo Konsens zum Beispiel nur zeitversetzt geht. Wenn ich von einem Arzt operiert werde, möchte ich nicht, dass er währenddessen erstmal rumdiskutiert – aber danach will ich, dass ihm Fehler oder Verbesserungsvorschläge auch von dem OP-Putzmann eingebracht werden können, wenn das die Qualität seiner Arbeit verbessert. Und da du nach Textern oder Agenturen fragst: Ein Konsens mit den Rezipienten wäre ein Anfang. also zu fragen: Welche Werbung ist aus eurer Sicht eigentlich ok und nicht-invasiv? Und nur die machen.

Ich bin am Ende, hier kommt dein Joker. Du kannst eine Frage beantworten, die ich dir aus purer Ignoranz, Unwissen oder Desinteresse nicht gestellt habe.

Uwe: Den Joker verwandle ich in eine Publikumsfrage, weil ich immer von allem und jedem lernen will: Hat jemand Lesetipps, wie freie Projekte aller Art es hinkriegen, die Beteiligten nicht nur bei allen Entscheidungen, sondern auch an allen, vor allem komplexen Arbeiten zu beteiligen? Da sind wir nämlich bisher nicht so gut drin, obwohl alle Arbeiten bezahlt werden. Oft wird für die einzelnen Dinge fast schon ein mundgerechter Leitfaden verlangt, sonst schwimmen viele Leute und wissen nicht, was sie tun sollen. Aber wenn du alles vor- und durchkaust, kannst du es auch gleich selber und meistens in der gleichen oder sogar weniger Zeit machen – aber das geht halt auch nicht, sonst bleibt die Arbeit auf wenige Menschen zentriert. In dem Punkt, also „mehr und bessere Verteilung von Arbeit“ haben wir Nachholbedarf, und da wäre ich für Lesetipps dankbar, hochverehrtes Publikum.

Was noch fehlt: eine Danksagung. Dafür, dass ich hier meine Gedanken ausbreiten durfte, dass ihr das gelesen habt, und für deine Geduld. Danke. Die ursprüngliche Anfrage ist ja schon … wie lange her?

Anderthalb Jahre, aber darüber sehen wir galant hinweg und erwähnen es nicht einmal. Danke, Uwe.

Lassen Sie uns einen Kaffee trinken!

Frisch aufgebrüht aus handgemahlenen Bohnen, Pads, Kapseln oder aber der gute, alte Bröselkaffee zum Aufgießen: Es wird alles getrunken! Und wenn die Unterhaltung dann noch nett ist, brauchen wir auch keine Kekse.

Eigentlich hätte ich hier gerne ein Kontaktformular. Aber der Aufwand für die DSGVO und das ständige Löschen der Spamscherze sind mir zu blöd, genauso wie Captchas und doppelt und dreifache Opt-ins und -outs.

Also bitte einfach die üblichen Kontaktmöglichkeiten nutzen: hallo[at]nagelundkopf.de oder unter 0176 97661348 anrufen.

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über mich.

Strategietexter, Marketingreferent, Journalist, Autor. Papa. Geek. Läufer. Sänger. Bester Freund meines Hundes. Mag Trash-Filme, Gitarrenmusik, Bücher aus Papier und jede Form von Kaffee. Älter als AOL.

hünxe.

Ernsthaft? Ist das noch Land oder schon Dorf? Es ist beides. Und Wald. Viel Wald. Und herrlich. Vor allem ist es noch im wunderschönen Ruhrpott, auch wenn sich die Leute hier manchmal ein wenig vertun mit dem Niederrhein. Hinfahren, angucken, auf ‘nen Kaffee reinschneien und fachsimpeln. Themen gibt es hier genug. Und wer mich woanders braucht: Ich bin in einer Stunde in Köln oder Düsseldorf, in dreieinhalb Stunden in Hamburg oder Frankfurt, in sechs Stunden in München oder Paris.