Die leidige Urheberrechtsdebatte oder: kluge Worte – und andere

Autor: Sascha Nieroba || Datum: 27. Mai 2012 || Thema: Medien

Es ist ein Thema ohne Ende. Mittlerweile ist es dermaßen durchgekaut, dass sich sogar Magazinmacher zu Wort äußern, die nicht durch ihre Vorreiterrolle auffallen. Dazu später mehr. Aber wenig.

In den letzten Wochen hat sich nichts getan. Auf Twitter tummeln sich Urheberrechtsexperten (neben Fußballtrainern, Börsen-Spezialisten, Krebsheilmittelfindern und Haarwuchsmittelverkäufern), die sich vor allem verächtlich über die verzweifelte Aktion „Wir sind die Urheber“ (den Link spare ich mir an dieser Stelle, weil a) ich die Initiative bescheuert finde, b) ich nicht weiß, ob da nicht vielleicht ein Copyright auf der URL liegt und c) die ach so frommen Urheber ja ständig mit Google im Clinch liegen und gewisslich was gegen Traffic auf ihrer Seite haben) lustig machen, außerhalb der sozialen Netzwerke versuchen verprellte Künstler, Rechteverwerter, Buchautoren und andere, ein freies Internet gleichzusetzen mit Raubmordkopiererei und pirativem Freibeutertum. Keine Seite mag Zugeständnisse machen.

Wo stehe ich?

Ich möchte das hier und jetzt einmal klarstellen: Ich stehe als jemand, der kreativ arbeitet, und jemand, der gerne Kreatives möglichst unkompliziert nutzen willen, mittendrin. Ich weiß aus jahrelanger Erfahrung als Musikjournalist, wie schwierig es beispielsweise für eine junge, unbekannte Band ist, in der Öffentlichkeit Fuß zu fassen. Ich weiß aber auch, dass ohne das ständig verteufelte Internet mit all seinen Publikationsmöglichkeiten ein Gros der Bands ungehört in ihrem Keller verschimmeln würde. Was bei vielen Bands wahrlich nicht schlimm wäre, das sei nebenbei erwähnt.

Sind Internetsperren eine Lösung?

Wer darüber überhaupt nachdenkt, hat einen an der Pfanne. Wenn der Gerichtsvollzieher vor der Tür steht, darf er ja nichtmals den Fernseher pfänden, weil dieser, bitte entschuldigt den fehlenden Fachausdruck, zum Grundbedarf eines Menschen gezählt wird. Recht auf Information und so. Das ist mit dem Internet mittlerweile ganz genauso. Sollte mir als Freiberufler mal das Netz abgeklemmt werden, weil sich ein Nachbar in mein WLAN-Netz gehackt und literweise Pornos gesaugt haben sollte, könnte ich nicht einmal meiner Pflicht als treuer Steuerzahler nachkommen, weil ich meine Steuererklärungen online abgeben muss.

Was also ist die Lösung?

Leute, seien wir ehrlich: Es gibt keine. Das Ding ist eine verfahrene Kiste, in der sich ein Politikum ums andere wickelt. Da arbeitet Lobbyismus gegen gesunden Menschenverstand. Wer mich kennt, weiß, dass ich Pragmatiker bin. Ich schwaller nicht gern um den heißen Brei herum. Ab dem nächsten Jahr zahlen wir keine GEZ-Rundfunk-Gebühr mehr (also das Zeug, das uns berechtigt, am öffentlich-rechlichen Rundfunk teilzunehmen, ob wir wollen oder nicht), sondern eine Haushaltsabgabe. Das bedeutet, dass jeder Haushalt per se Platz hat, mindestens ein Fernsehgerät vorzuhalten und somit zur Zahlung der Gebühren verpflichtet ist. Ist natürlich völliger Schwachsinn, aber darum soll es hier nicht gehen. Wenn einem Wohnungsinhaber pauschal unterstellt wird, er würde sich das Programm von ARD, ZDF und den Dritten reinfahren, und die Politik setzt dafür eine Pauschalabgabe durch, dann kann sie doch gleich fünf Euro im Monat mehr vom Konto abziehen, und die Sache ist geritzt. Quasi eine Vorabbezahlung für die medialen Inhalte, die sowieso jeder Bundesbürger illegal aus dem Netz zieht (Schuldvermutung vorausgesetzt). (Ich weiß, das ist natürlich keine wirkliche Lösung, aber so wär’s am einfachsten, Politik und Lobbyismus außen vor gelassen, quasi die Kulturflatrate.)

Der Kernpunkt des Problems

Es geht doch gar nicht um das Urheberrecht. Es geht doch darum, ein gesundes Nutzungsrecht mit Augenmaß zu etablieren. Nicht so einen Scheiß, wie ihn die Gema gerade androht, sondern etwas Realistisches. Sehr, sehr kluge Worte findet Petra van Cronenburg auf ihrem Blog „Cronenburg“, den Beitrag kann ich nur ans Herz legen, sie trifft gleich mehrere Nägel auf ihre Köpfe. Lest euch den Artikel bitte in Ruhe durch, den kann ich so unterschreiben. Das ist wahrlich nur bei ganz wenigen zu dieser Thematik der Fall, wie der nächste „journalistische“ Erguss zeigt. Was die Anführungszeichen sollen? Journalist zu sein bedeutet für mich, mich mit einem Thema umfassend auseinanderzusetzen, bevor ich zu Stift und Zettel greife. Als Texter muss ich das genauso machen. Recherche nennt man das. Was da in manchen Verlagen, mögen sie auch klein sein und in der deutschen Verlagslandschaft kaum eine Rolle spielen, stattfindet, treibt mir allerdings die Schames- und Wutröte gleichsam ins Gesicht.

Der Musikverlag aus Dortmund mal wieder

Denn dann war da noch der Herr Stratmann, seines Zeichens Herausgeber des Dortmunder Musikmagazins „Rock Hard“, das ja ab und an hier Erwähnung findet. Unter dem Titel „‚Umsonst‘ vs. ‚bezahlen‘ – Der Kampf der Kulturen“ schießt er mit der abgesägten Schrotflinte mitten in die laufende Diskussion und hofft, dass aus irgendeinem Baum ein kluger Gedanke fällt. Dabei schert er dermaßen alles über einen Kamm, dass man ihn gleich entsorgen kann. Unreflektiertes Gemoser gegen die Piraten, mal wieder das Herbeizitieren von „Qualitätsjournalismus“ (von dem Stratmann, sonst eloquenter Musikjourno, in diesem Artikel Lichtjahre entfernt ist), er spricht von der „Generation Praktikum“, die alles immer für lau haben will (Wie sieht es denn bei euch aus? Werden eure Praktikanten mittlerweile bezahlt, damit sie einen finanziellen Beitrag zur Errettung der Musikindustrie leisten können?), und watscht einfach mal alle pauschal als „Schmarotzer“ ab.
Immerhin hält er geistiges Eigentum für schützenswert, darüber sind sich, denke ich, alle Parteien einig. Aber auch hier misst er mit zweierlei Maß: Rock Hard unterhält ein Online-Magazin, dessen Inhalte sich größtenteils aus Heftartikeln speisen und hinter einer Bezahlschranke auf Leser hoffen. Die Autoren bekommen für die Zweitverwertung ihrer Arbeit keinen Cent. Gut, man mag einwenden, dass dies in den Printhonoraren bereits berücksichtigt wird, aber wie erklärt es der Rock-Hard-Chef, dass für reine Online-Beiträge bislang noch kein einziger Euro bezahlt worden ist? Da wird dann immer die Referenz-Karte gezogen, die so ziemlich alle Freiberufler der Welt auswendig kennen (man dürfe ja für ein hoch angesehenes, Meinung bildendes, Tür öffnendes Musikmagazin schreiben, das sei gut für den Lebenslauf). Von der kann ich mir aber auch keine CD kaufen. Also: Wenn schon Wutrede gegen ein vermeintliches Schmarotzertum, dann bitte zunächst im eigenen Laden kehren. Und nicht alles unter den Teppich.
Ganz nebebei: Was sagt Stratmann denn zur geplanten GEMA-Erhöhung vor der eigenen Haustür? Nüscht. Gerade hier droht doch der Kahlschlag. Ich will jetzt nicht gänzlich unfair sein, aber wenn man seit Jahrzehnten mit CDs, DVDs und Konzerttickets versorgt wird, verliert man vielleicht das Gefühl für den finanziellen Aufwand, den Normalsterbliche dafür betreiben müssen.

Und zum Abschluss noch mal etwas Polemik

Kunst und Kultur wurden noch nie bezahlt wie eine handwerkliche Leistung, denn sie gibt es nur um ihrer selbst willen. Niemand startet eine Band, um damit Geld zu verdienen. Das war früher nicht so und ist es heute auch nicht. Sollte es zumindest nicht sein. Und wenn doch, und da wiederhole ich mich gerne, ist die Band eine auf Gewinn ausgerichtete Wirtschaftsunternehmung und muss sich am Markt orientieren und nicht elendiglich rumjammern, wenn niemand sie bezahlen will. Was die meisten Krakeeler einfach nicht checken: NIEMAND ist gegen das Urheberrecht. Es sollte nur jedem selbst überlassen sein, wie er seine kreativen Produkte unters Volk bringen will. Dazu braucht es keine GEMA, keine Verwertungsgesellschaften und schon gar keinen aufgeblasenen Bürokratieapparat.

Lassen Sie uns einen Kaffee trinken!

Frisch aufgebrüht aus handgemahlenen Bohnen, Pads, Kapseln oder aber der gute, alte Bröselkaffee zum Aufgießen: Es wird alles getrunken! Und wenn die Unterhaltung dann noch nett ist, brauchen wir auch keine Kekse.

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