Die Regener-Debatte oder: Leckt mich! – Ein polemischer Rundumschlag zu Urheberrecht, DRM, Streaming und mir

Autor: Sascha Nieroba || Datum: 25. März 2012 || Thema: Medien

Nein, das ist keine differenzierte Abhandlung zum Urheberrecht. Es ist auch keine Abrechnung mit der ach-so-bösen Content-Mafia. Es sind offene Worte eines Medienkonsumenten, der die Schnauze gestrichen voll hat von all den Vermittlervereinen, Künstlervertretern, Verlagslobbyisten, Abmahnern und Großkonzernen, die das Raubkopieren ihrer Veröffentlichungen angeblich kaputtmacht. Klingt polemisch? Jep, ist es und bleibt es.

Der Fall Regener

Dem öffentlichen Radiogewinsel von Sven Regener (in seiner Funktion als Frontmann der mittlerweile bedeutungslosen Indie-Kapelle „Element Of Crime“, die heutzutage vielleicht noch von intellektuellen Strickpullunder-unter-der-Ray-Ban-Brille-tragenden Alternative-Hipstern gehört wird) jubelt ein Teil der Netzgemeinde freudig zu. Vor allem Musiker. Hört euch die Rede an, damit ihr wisst, worum es geht, denn ich fasse es hier äußerst kurz zusammen: Regener findet Raubkopien Scheiße, pocht auf das Urheberrecht aus dem Jahre 1965 (für die Jüngeren unter euch: 1965 ist das Jahr, in dem Fischertechnik erfunden wurde, Churchill und Malcolm X gestorben sind – und es gab weder Handys, Heimcomputer oder das Internet), findet es doof, dass Bands nicht von ihrer Musik leben können und will seine Videos nicht YouTube-Mama und Datenkraken Google in den Rachen schmeißen. Zumindest nicht umsonst. Deshalb will er Videos seiner Kapelle „Element Of Crime“ auch nicht dort, sondern nur auf der Band-Website veröffentlichen (funzt aber nicht, auf YouTube findet man genug von EOC).  (Link gibt’s nicht, den findet er bestimmt auch Kacke.) Und wenn der Herr Regener meint, seine wertvollen Videos dürfe man nur auf seiner eigenen Website ansehen: gut, muss ich ja nicht machen. Doch der gemeine Konsument will es so einfach wie nur irgend möglich haben: alles an einem Platz. Wie der Pauschaltourist im Clubhotel. Deshalb sind auch Portale wie Facebook so erfolgreich: weil alle meine Freunde dort sind.

Das Urheberrecht trägt den Bruch bereits in sich

Es ist doch so: Mittlerweile weiß doch niemand mehr, was er/sie noch im Internet veröffentlichen darf und was nicht. Die meisten Bilder, die ich hier benutze, schieße ich mit der Kamera selbst oder greife zu Griffel und Papier (wie in dem Gemälde oben). Vor allem seit Plattformen wie Facebook und Pinterest in Deutschland populär sind, wird Justitia rund um die Uhr um sich selbst gedreht. Blinde Kuh halt. Da blicken doch hierzulande nur noch Volljuristen durch.

Die Amis haben ein anderes Urheberrecht als wir, andere Verwertungsgesellschaften, eine andere Rechtsprechung. Dienste wie Spotify, Hulu und Co. funktionieren drüben zur Freude der Nutzer einwandfrei, in Deutschland müssen wir den Umweg über Proxys oder in den Graubereich der Legalität gehen. Musik ohne Grenzen gegen ein paar Euro? Fehlanzeige, weil die Gema sich in den Weg stellt. Da ist es mir als Musikhörer völligst egal, ob da einige Künstler auf Diva machen oder nicht. Wenn ich für eine Musikflatrate zahle, will ich ALLE Bands, die ich hören will, auch tatsächlich auf dem Portal vorfinden. Und, glaubt mir, wenn es einem Streamingdienst gelänge, alle Verwerter, Vertriebler und Vermarkter an sich zu binden und zudem alle Bands und Solomusiker von sich zu überzeugen mit einem starken Vergütungsplan, brauchten wir keine Plattenfirmen mehr, dann gäb’s alles an einem Ort. Soziales Musikhören eben. So wie früher. „Hey, was hörste?“ – „Neue Metallica.“ – „Und? Gut?“ – „Geil! Beste seit Master …“ – „Cool, schieb mal in meine Playlist!“ Zack, fertig ist der Hase.

Aber davon sind wir noch eine ganze Weile entfernt. Wir haben unsere Charts, in denen das läuft, was Musikmarketer für den Mainstream halten. Alles klingt gleich. Ist ein Song erfolgreich, klingen die nächsten Chartentrys genauso.

Die Musikblase wird hoffentlich bald platzen

Ein gern angeführtes Argument der gebeutelten Plattenfirmen und der fundamentalistischen Urheberrechtsverfechter ist, dass es in Zukunft einfach keine Musik mehr geben wird, wenn weiter fleißig raubkopiert und gestreamt wird. Bullshit! Es wäre doch toll, wenn all diese Musik-Retorten zugrunde kopiert, verteilt oder wasauchimmer würden und Platz entstände für die Musiker, die sich gerade im Untergrund die Finger wund spielen. Welcher nicht Gehirnamputierte und nicht Pubertierende kann sich ruhigen Gehörgangs die unsäglichen Charterfolge der letzten Jahre anhören? One-Hit-Wonder, Produktionen, bei denen Rihanna, Nickleback, Pink und Die Toten Hosen nebeneinander wie musikalische Nachbarn klingen; deutschsprachige Musik ist der Neue Deutsche Schlager. Andrea Berg, Silbermond, Ich&Ich, Rosenstolz, Monika Martin, Andy Borg, Juli – wo gibt es da noch Unterschiede? Einheitsbrei. Hinzu kommt die auf Single-Verkäufe ausgelegte Marktstrategie. Und da wundern sich die Labels, wenn niemand mehr ganze Alben kauft? Glaubt ihr allen Ernstes, heute könnte euch ein beliebiger Sechzehnjähriger noch erklären, was ein Konzeptalbum ist?

Gehen wir mal ein paar Jahre zurück: Damals freute ich mich auf das neue Album einer mir lieben Band. Am Release-Tag ging’s in den Plattenladen des Vertrauens, die Platte wurde eingetütet und zu Hause in den Player geschoben (ganz früher sogar auf den Plattenteller gelegt). Ich habe mich zurückgelehnt, das Booklet studiert und mir gemerkt, welche Songs ich nachher noch mal hören müsste und welche eher Rohrkrepierer waren. Und heute? An jeder Ecke im Internet wird man zugestreamt mit irgendeiner viertklassigen Mullu-Mullu-Mucke, um die man nicht gebeten hat. Wochen vor Albumveröffentlichung gibt es die erste Single zum Reinhören. Einige Tage vorher das komplette Album im Stream auf der Seite der Plattenfirma. Die Konsequenz?

Der Konsument ist übersättigt

Wenn ich keinen Hunger mehr habe, zahle ich nichtmals 99 Cent für einen Hamburger. Ich habe keinen Bock mehr darauf, weil ich genau weiß, dass spätestens hinter der übernächsten Ecke wieder ein kostenloses Angebot auf mich wartet. Die Zeit lässt sich nicht mehr zurückdrehen! Als Konsument ist mir auch das scheißegal. Hauptsache, ich komme an meine Musik. (Ich gehöre ja tatsächlich noch zu den Gestrigen, die sich CDs und Schallplatten kaufen. Manchmal auch beides. Ich verabscheue Downloadkäufe, weil ich da für gutes Geld nichts in der Hand halte.) Den Charthörer kümmert’s nicht. Er kauft eh keine Alben, weil ihm seine Musik in homöopathischen Dosen im Radio verabreicht wird.

Also das Urheberrecht abschaffen?

Ja. Das Urheberrecht ist nicht nur veraltet, sondern nicht mehr zeitgemäß und realitätsfern. Man muss es durch ein neues ersetzen. Eines, das vom Konsumenten ausgeht und dessen Interessen in den Mittelpunkt stellt, ohne den schaffenden Künstler leer ausgehen zu lassen. Ich will nicht ständig kriminalisiert werden. Wenn ich mir eine DVD gekauft habe, muss ich mir vor dem Film erst mal ’nen Clip ansehen, in dem Raubkopierer wie Kinderschänder dargestellt werden. Hey, ich hab für das Dingen bezahlt! Oder diese unsägliche Gängelung mit dem DRM, dem Digital Rights Management, und dem Kopierschutz. Zu letzterem hat @caschy auf seinem Blog was Interessantes geschrieben, lesen!

Ich will das Recht auf Privatkopie. Ich will eine DVD auch an meinem Rechner gucken können. Wisst ihr, warum solche Dienste wie kino.to und Co. so erfolgreich sind? Nicht weil’s da alles für umme gibt, keineswegs. Sondern weil’s da ALLES gibt. Wie ich oben schon mal geschrieben habe: Ich will einen erschwinglichen Streaming-Dienst, der mir, sagen wir, alle Filme und Serien anbietet, die es zeitgleich in die Videothek geschafft haben. Und damit meine ich nicht so ’ne kastrierte Kacke wie maxdome und Konsorten, wo mich ein aktueller Film für ein- oder mehrmaliges Ansehen binnen 24 Stunden knapp fünf Euro kostet und das Kostenlos-Programm aus ProSieben/Sat.1-Eigenproduktionen besteht, die sich qualitativ irgendwo zischen „Unter uns“ und den ZDF-Rosamunde-Pilcher-Filmen einordnen.

Zieht mir monatlich 20 Euro aus der Tasche und gebt mit einen vernünftigen Medienstream. Ich bin sicher, da machen Millionen andere auch mit. Kriegt ihr das in eure Schädel? Ja?

Nachtrag

Die Band als Unternehmen

Wenn eine Band mit ihrer Musik Geld verdienen will, ist sie ein Wirtschaftsunternehmen. Wenn in unserem digitalen Umfeld mit CD-Verkäufen kein Geld mehr zu machen ist, muss der Musiker umdenken. Müssen die Schlecker-Frauen auch gerade. Das ist das harte Gesetz des Marktes. Und des Lebens. Und da hilft auch kein Mü-mü-mü eines Herrn Regener.

 Sind E-Books weniger wert als gedruckte Bücher?

Natürlich sind sie das! Es entstehen dem Verlag oder dem Autor, wenn er’s selbst unters Volk bringen will, keinerlei Druckkosten. Warum sollte ich also für eine digitale Kopie eines Buches genauso viel zahlen wie für das Original? Und: Einigt euch, verdammt noch mal, auf ein kompatibles Format, das sich auf ALLEN E-Book-Readern anzeigen lässt. Kann das wirklich so schwer sein? #latten #zaun

Lassen Sie uns einen Kaffee trinken!

Frisch aufgebrüht aus handgemahlenen Bohnen, Pads, Kapseln oder aber der gute, alte Bröselkaffee zum Aufgießen: Es wird alles getrunken! Und wenn die Unterhaltung dann noch nett ist, brauchen wir auch keine Kekse.

Eigentlich hätte ich hier gerne ein Kontaktformular. Aber der Aufwand für die DSGVO und das ständige Löschen der Spamscherze sind mir zu blöd, genauso wie Captchas und doppelt und dreifache Opt-ins und -outs.

Also bitte einfach die üblichen Kontaktmöglichkeiten nutzen: hallo[at]nagelundkopf.de oder unter 0176 97661348 anrufen.

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über mich.

Strategietexter, Marketingreferent, Journalist, Autor. Papa. Geek. Läufer. Sänger. Bester Freund meines Hundes. Mag Trash-Filme, Gitarrenmusik, Bücher aus Papier und jede Form von Kaffee. Älter als AOL.

hünxe.

Ernsthaft? Ist das noch Land oder schon Dorf? Es ist beides. Und Wald. Viel Wald. Und herrlich. Vor allem ist es noch im wunderschönen Ruhrpott, auch wenn sich die Leute hier manchmal ein wenig vertun mit dem Niederrhein. Hinfahren, angucken, auf ‘nen Kaffee reinschneien und fachsimpeln. Themen gibt es hier genug. Und wer mich woanders braucht: Ich bin in einer Stunde in Köln oder Düsseldorf, in dreieinhalb Stunden in Hamburg oder Frankfurt, in sechs Stunden in München oder Paris.